Was von den großen Skandalen blieb

Lebensmittelskandale erobern schnell die Schlagzeilen, aber nur selten wird bekannt, was sie langfristig bewirken. Wie gepanschter Wein und Rinderwahn die Nahrungsmittelindustrie verändert haben.

Der Glykolweinskandal: Es war die Mutter aller Lebensmittelskandale – zumindest in Österreich. Im Laufe des Jahres 1985 tauchte mit Glykol gepanschter Wein aus Österreich in deutschen Geschäften auf. Um den deutschen Durst nach billigem, süßen Wein zu stillen, hatten österreichische Winzer das süßliche – und hochgiftige – Frostschutzmittel Diäthylenglykol in ihren Wein gemischt. Aufgeflogen ist der Skandal im Übrigen, weil ein Winzer auffällig viel Frostschutzmittel von der Steuer absetzen wollte. Der damalige Landwirtschaftsminister Günter Haiden (SPÖ) sprach von einer „Spätlese aus der Chemieküche“, das deutsche Gesundheitsministerium setzte 803 österreichische (und 27 deutsche) Weine auf die schwarze Liste. Millionen Flaschen mussten vernichtet werden. Der heimische Weinexport brach nahezu komplett zusammen. Im Nachhinein gilt der Skandal in der Branche jedoch als Geburtsstunde des „neuen“ österreichischen Weins. Die Republik erließ in Folge das strengste Weinbaugesetz Europas, viele Winzer verzichteten zudem freiwillig auf die (erlaubte) Zugabe von Zucker, um ihre Produkte zu süßen.

Die BSE-Krise: Auch dieser Fall reicht etliche Jahrzehnte zurück. Mitte der 1980er-Jahre trat die Rinderseuche BSE (Bovine Spongiforme Enzephalopathie) erstmals in Großbritannien auf. Die Tiere wurden jahrelang mit gemahlenen Kadavern kranker Schafe gefüttert. Nachdem London 1996 einräumen musste, dass BSE auch die Creutzfeld-Jakob-Krankheit bei Menschen auslösen kann, verhängt die EU-Kommission ein weltweites Exportverbot für britisches Rindfleisch, das erst drei Jahre später aufgehoben wird. Vier Millionen Rinder müssen notgeschlachtet und vernichtet werden. Weltweit wurden 190.000 BSE-Fälle bekannt, 98 Prozent davon in Großbritannien. Rund 200 Menschen starben an der Creutzfeld-Jakob-Krankheit, bei der sich das Gehirn langsam auflöst. Heute gilt die Seuche – nach der Einführung verpflichtender BSE-Schnelltests – als weitgehend unter Kontrolle.


Der Listerien-Skandal: Zwischen Juni 2009 und Februar 2010 starben acht Menschen in Österreich und Deutschland weil sie mit Listerien verunreinigten Quargel gegessen hatten. Das betroffene Unternehmen Prolactal holte knapp 60 Tonnen Käse aus den Geschäften zurück und stoppte die weitere Auslieferung seiner Produkte. Eine Novelle des Lebensmittelgesetzes sollte in Hinkunft eine raschere Information der Bevölkerung durch die Behörden sicherstellen. Der Verein für Konsumenteninformation (VKI) reicht im Namen von acht Geschädigten eine Sammelklage gegen Prolactal ein und vergleicht sich 2011 mit dem Unternehmen. Die beiden Geschäftsführer von Prolactal wurden im Grazer Straflandesgericht der fahrlässigen Gemeingefährdung schuldig gesprochen. Drei weitere Angeklagte wurden freigesprochen.


Die Ehec-Epidemie: Im Mai 2011 erleben auch Vegetarier ihren ersten Lebensmittelskandal. In Deutschland häuften sich Fälle, in denen die Mikrobe Ehec, lebensbedrohliche Darmentzündungen und Nierenversagen ausgelöst hatte. 53 Menschen starben an der Infektion. Die Gesundheitsbehörden präsentieren rasch spanische Gurken als vermeintliche Übeltäter. Die Gurken wurden aus dem Verkehr gezogen. Zu Unrecht, wie sich später herausstellen sollte. Der spanische Hersteller überstand die Krise nur knapp. Tatsächlicher Auslöser der Epidemie war ägyptischer Bockshornkleesamen. In Folge dessen erließ die EU das sogenannte „Sprossenpaket“. Sprossenerzeuger benötigen seither eine amtliche Zulassung und müssen mehr Hygieneanforderungen erfüllen. Auch Einfuhren aus Drittländern werden strenger kontrolliert.

Der Pferdefleischskandal: 2013 wurde in mehren europäischen Ländern (darunter auch Österreich) nicht deklariertes Pferdefleisch in angeblichen Rindfleisch-Fertigprodukten wie Lasagne gefunden. In Österreich fand sich Pferdefleisch etwa in Hauswürsten und Kebab. Brüssel wollte zunächst die Deklarationspflichten verschärfen, nahm davon aber Abstand, mit dem Argument, dass diese Auflage den Preis für die Konsumenten um bis zu 50 Prozent erhöhen könnte.

Quelle: Die Presse, Hr. Matthias Auer